Neue Erkenntnisse zur US-Subprime-Krise:
US-Banken zu riskanter Kreditvergabe gesetzlich gezwungen

von Leander L. Hollweg, Diplom-Volkswirt, Geschäftsführer der Tenman Prognosys GmbH, Hamburg, 29.09.2008

Die ausufernde Vergabe von US-Hypothekendarlehen an Schuldner mit geringer Bonität ist die unmittelbare Folge einer völlig verfehlten Sozialpolitik in der Vereinigten Staaten. Schon seit 1977 verlangt der amerikanische Community Reinvestment Act, ein in Europa weitgehend unbekanntes Gesetz, dass Banken und Sparkassen im regionalen Geschäft mit Immobilienfinanzierungen eine hohe Quote ihrer Darlehen an „Bedürftige“ ausleihen m ü s s e n. Diese Regelung war der unbesonnene politische Reflex auf die ursprünglich brutal risikoaverse Kreditpolitik des „Redlining“, einem frühen, undifferenzierten „Geoscoring“, mit dem US-Banken ganze Wohnviertel vom Zugang zu Kreditmitteln ausschlossen. Im Verbund mit dem Ausbau der staatlichen Spezialkreditinstitute Fannie Mae und Freddie Mac entstand in den 1990er-Jahren ein System des institutionalisierten ökonomischen Irrsinns.

  1. Die Sozialpolitik der Demokratischen Partei und deren Community Reinvestment Act (CRA) ist für die unverantwortliche Kreditausweitung an minderbemittelte Schuldner in den USA verantwortlich, nicht die „Gier“ der Banken“.
  2. Die Förderbanken Fannie Mae und Freddie Mac konnten sich auf dieser Basis zu einer Art Staat im Staate entwickeln. Parallelen zur deutschen KfW Banking Group sind unverkennbar.
  3. Unkenntnis der amerikanischen CRA-Regulierung haben wahrscheinlich bei deutschen Banken zur Fehleinschätzung der Ratingbewertung von angekauften Portfolios beigetragen.

„Gut gemeint“ ist häufig nicht identisch mit „gut gemacht“. Gerade in der staatlichen Wohlfahrtpolitik findet sich dieser Widerspruch leider immer wieder. So wollte US-Präsident Jimmy Carter 1977 die Kommunen und sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen vor der harschen Praxis des „Redlining“ schützen. Die Risikoverantwortlichen in den US-Banken und Sparkassen hatten auf ihren Stadtplänen große Wohnviertel, in denen überwiegend einkommensschwache Bewohner lebten, komplett mit einer roten Linie umrandet und strikte Anweisung gegeben, an Hauseigentümer, Wohnungserwerber und Kleinunternehmen in diesen „Armutsquartieren“ grundsätzlich keine Darlehen mehr zu vergeben. Durch dieses undifferenzierte Geoscoring, wie wir es heute nennen würden, wurden natürlich auch „gute“ Kreditnehmer ausgegrenzt. Das Ergebnis war eine beschleunigte Abwanderung der Mittelklasse und der noch schnellere wirtschaftliche Verfall dieser Gebiete.

Eine ganze Generation von Amerikanern hat seither verinnerlicht, dass es zur Vermeidung derartiger Folgen unbedingt einer strengen Regulierung der Banken und Sparkassen bedürfe. Dafür sorgt bis heute der Community Reinvestment Act, ein Zwangsgesetz, mit dem Kreditinstitute, die das Aktiv- und Passivgeschäft betreiben, zu einer sozialen Kreditpolitik angehalten werden sollen. Eine eigene Behörde, der Federal Financial Institutions Examination Council (FFIEC) kontrolliert, ob die Geschäftsbanken vorgegebene Quoten von „minority loans“ einhalten. Anderenfalls drohen Einschränkungen bei der Refinanzierung über die Zentralbank und das Verbot von Unternehmenszusammenschlüssen. Ein besondere Kennziffer, das CRA-Rating, drückt aus, wie sozial bzw. riskant die Kreditpolitik einer Bank ist. Die beste Kategorie „outrageous“ steht dabei für besonders großes „soziales“ Engagement, womit viele Banken inzwischen sogar werben. Der ursprünglichen Verabschiedung dieses Gesetzes hatten die Banken hingegen – ohne Erfolg – großen Widerstand entgegengebracht.

Im Jahr 1995 wurden die CRA-Bestimmungen noch einmal drastisch verschärft. Praktisch lief der Effekt darauf hinaus, vor allem der schwarzen Bevölkerung „erschwingliche Wohnungen“ zu ermöglichen. Und zur Ausweitung der Kreditversorgung wurde den halbstaatlichen Instituten Fannie Mae und Freddie Mac ein außerordentlicher Hebel von nur 2,5% ihres Eigenkapitals erlaubt - verglichen mit 10% für Geschäftsbanken. Kein Wunder, dass 2007 die Hälfte der Hypothekendarlehen in den USA durch diese beiden Institute generiert oder garantiert war. Zwischen 1993 und 1998 wuchs das Volumen der CRA-Darlehen um 39%, während Darlehen an „andere Kreditnehmer“ nur halb so schnell zunahmen. Umfassten die Ausleihungen an Geringverdiener 1992 nur erst eine Milliarde USD, waren sie 1999 schon auf 80 Milliarden und 2003 auf 600 Milliarden USD angewachsen. Damit erklärt sich nun auch die Größenordnung des 700 Mrd. USD-Rettungspakets der US-Regierung für den Finanzmarkt.

Freddie Mac wurde zudem damals beauftragt, von den Geschäftsbanken vergebene Darlehen anzukaufen, zu strukturieren und als Asset- bzw. Mortgage-Backed-Securities an institutionelle Anleger weiterzuveräußern oder solche Transaktionen als Bürge zu garantieren. Für die Geschäftsbanken muss dies ein willkommener Ausweg gewesen sein, die eigentlich ungeliebten, „toxischen“ Kreditportfolios wieder los zu werden, und für die Investmentbanken erschloss sich ein riesiger Markt.

Am 20. Oktober 1997 brachte Bear Stearns zusammen mit der First Union Capital Markets Corp. (heute Wachovia) die erste CRA-Anleihe auf den Markt, die durch „erschwingliche Hypothekendarlehen“ besichert war. Die begleitende Presserklärung war voller Stolz auf die sozialpolitischen Segnungen dieser Kredite 1). Das „implizite“ AAA-Rating des Kreditpakets wurde durch Freddie Mac als „Government Sponsered Enterprise“ (GSE) garantiert. Ironie oder Konsequenz der Geschichte: Bears Stearns wurde das erste Opfer der Bankenkrise, Wachovia wird möglicherweise das gegenwärtig jüngste.

Somit erklären sich schließlich auch die hilflosen Bekenntnisse der IKB- und Landesbankenverantwortlichen, die auf das Triple-A-Rating aus den USA vertrauten. Das Zusammenspiel von CRA-Loans und GSE-Garantien haben sie entweder nicht gekannt oder in seiner problematischen Dimension nicht erkannt. Nicht auszuschließen, dass sie sogar die Note „outrageous“ in einem CRA-Community Reinvestment Act-Rating (=viele „soziale“ Kredite) mit der A-Note einer CRA-Credit Rating Agency (= geringes Risiko) schlicht verwechselt haben!

Beflügelt von sozialem Impetus erschienen die großen Staatsinstitute Fannie Mae und Freddie Mac als Wohltäter der US-Nation. In gleicher Weise traf dies auf Sallie Mae zu, die als Bildungsbank ein schwunghaftes Geschäft mit Studiendarlehen in Gang setzte, bei denen man gleich vollständig auf eine Bewertung der Kreditnehmerqualität verzichtete. Es dauerte nicht lange, da wurden die halbstaatlichen Banken zur Versorgungsanstalt für abgehalfterte Politiker, vorwiegend aus der Demokratischen Partei. Und die gingen dazu über, das einmal in Gang gesetzte System der „Wohlfahrtspolitik mittels Bankkredit“ durch massive politische Beeinflussung auch dauerhaft abzusichern: „Zwischen 1989 und 2008 erhielten 384 Politiker Wahlkampfspenden von den beiden Hypotheheken-GSEs, und zusammen wurden über 200 Millionen Dollar für Lobbying und politische Aktivitäten ausgegeben,“ schreibt der US-Journalist Terry Jones. Wen erinnern solche Vorgänge nicht an die deutsche KfW, an deren Spitze bis zur IKB-Krise ebenfalls ehemalige Politiker berufen wurden und die es 2005/2006 geschafft hat, sogar gegen den erklärten Willen ihres Haupteigentümers, der damaligen Rot-Grünen Bundesregierung, ein eigenes großzügiges Studiendarlehenprogramm durchzuboxen?

Weil Bildungsdarlehen in den nächsten Jahren in Europa ein wichtiges und expansives Segment des Kreditsystems werden müssen, ist es wichtig, den in Amerika angerichteten Irrsinn bei uns nicht zu wiederholen. Stattdessen benötigen wir angemessene und differenziertere Ratingmodelle für die unterschiedlichen Schuldnergruppen, damit eine breite und dennoch risikoadäquate Kreditversorgung durch die Geschäftsbanken gewährleistet wird.

In einem System wie dem CRA-Regime müssen hingegen auch jene mitspielen, die sich daran eigentlich nicht beteiligen möchten. Rund die Hälfte der Kreditinstitute, die in den USA Hypothekendarlehen vergeben, fallen nicht oder nur beschränkt unter die CRA-Regulierungen. Manche Ökonomen bestreiten daher, dass „CRA“ die Subprime-Krise verursacht habe. Das Argument lautet, dass wenigstens diese Banken sich als verantwortliche Kreditgeber hätten verhalten können. Dagegen steht das nachvollziehbare Bekenntnis eines ungenannten Bankenvorstands, der in einem US-Blog wie folgt zitiert wird: „Wenn Banken und Sparkassen durch die CRA-Regeln in das Subprime-Segment hineingezwungen werden, so bringt das auch ihre Mitbewerber in den nicht CRA-regulierten Institutionen zu einer ähnlichen Darlehenspolitik. Anderenfalls bliebe ihre Bilanzsumme hinter diesen anderen Instituten zurück.“

Für jene reformerischen Kräfte, die im Schumpeter`schen Sinne („schöpferische Zerstörung“) mit alten Traditionen brechen, gilt Mephistos Wort aus Goethes Faust „Ich bin ein Teil von jener Kraft die stets das Böse will und doch das Gute schafft.“ Jene Sozialpolitiker aber, die ihren politischen Willen mit der wirtschaftlichen Wirklichkeit verwechseln, verdienen das gegenteilige Prädikat. Sie sind „ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will, und nur die Katastrophe schafft.“

1) "FIRST UNION CAPITAL MARKETS CORP., BEAR, STEARNS & CO. PRICE SECURITIES OFFERING BACKED BY AFFORDABLE MORTGAGES". First Union Corporation (wachovia), abgerufen am 29.09.2008 unter http://www.wachovia.com/inside/page/textonly/0,,134_307%5E306,00.html

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