Vorbereitungen für Studentenkredite laufen an

Financial Times Deutschland, 10.1.2005

Von Timo Pache, Berlin

Der Bildungssektor steht vor großen Änderungen. Ein Beispiel dafür ist die Einführung von Studiengebühren.

Auch der Nutzen eines Byzantinistikstudiums lässt sich in nüchterne Zahlen ummünzen. Zum Beispiel für einen Kreditantrag. Abschlussnoten, Fremdsprachenkenntnisse, die Chance auf einen qualifizierten Arbeitsplatz und das ungefähre Einkommen nach dem Studium - fertig ist der Wert des Studiums. Zumindest der ökonomische. Darauf aufbauend soll in den nächsten Jahren ein ganz neuer Markt entstehen: der Markt für Bildungskredite. "Wir sind dabei, verschiedene Kreditmodelle zu prüfen", sagt ein Sprecher der Deutschen Bank. Und Rolf Zipf, Vorstandsmitglied bei Career Concept in München, sagt, "die private Studienfinanzierung gewinnt eine immer größere Bedeutung".

In anderen Ländern sind Bildungskredite so selbstverständlich wie das Studium selbst. Wer etwa in den USA oder Australien an einer renommierten - und teuren - Hochschule studiert, schließt meist automatisch mit einer privaten oder staatlichen Bank einen Kredit ab, um Studium und Gebühren zu finanzieren. In Deutschland war dies nie nötig, weil das Studium kostenlos und das Kreditgeschäft mit Studenten zu umständlich und riskant war.

Fehlendes Konzept

Doch das könnte sich schon sehr bald ändern. Am 26. Januar entscheiden die Richter am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe über ein bundesweites Verbot von Studiengebühren. Das Verbot hatte die rot-grüne Koalition im Sommer 2002 gegen den Willen der meisten Länder beschlossen. Kaum ein Jurist glaubt derzeit, dass die Richter das Verbot bestehen lassen. Kippt es, haben gleich mehrere Länder wie Bayern, Baden-Württemberg oder das Saarland die Einführung von Studiengebühren angekündigt - wahrscheinlich rund 500 Euro pro Semester.

Bisher allerdings hat noch niemand ein Konzept, woher die Studenten das Geld für ihre Studiengebühren nehmen sollen. Rolf Zipf hat zumindest einige Erfahrung im Kreditgeschäft mit Studenten. Sein Unternehmen Career Concept hat mit Hochschulen wie der TU München oder der Handelsschule in Leipzig Kreditfonds für Studenten aufgelegt. "Bei uns kommen die Studenten über Auswahlverfahren an die Kredite", sagt Zipf. Die Kreditwürdigkeit des Studenten würde mit Hilfe mehrerer Faktoren geprüft. "Am Ende stehen die Erfolgsaussichten der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt", so Zipf.

Studenten von der sozialen Herkunft entkoppeln

Private Anleger sollen das Kapital für die Fonds bereitstellen, aus denen die Kredite gewährt werden. Ihnen will Zipf langfristig eine Rendite von drei bis sechs Prozent zahlen - indem die Studenten nach ihrem Berufseinstieg zwischen zwei und neun Prozent ihres Gehalts zurückzahlen. Dabei gehe es nicht allein um die Gebühren, sondern auch um die Finanzierung des Lebensstandards. "Es gibt Fälle, da konnten Studenten nur dank eines Kredits von uns ihr Studium in München aufnehmen", sagt Zipf. So könnten Kredite das Studium von der sozialen Herkunft entkoppeln.

Allerdings arbeitet Career Concept noch in eher kleinen Volumina. Einige Hundert Studenten fördert Zipfs Unternehmen derzeit, stets geknüpft an renommierte Hochschulen und an Studienfächer, die später ein hohes Einkommen versprechen.

Leander Hollweg aus Hamburg hat dagegen das Massengeschäft im Auge. Seine Firma Tenman nennt sich im Untertitel Student Loan Rating GmbH und konzipiert Modelle für Bildungskredite im Massengeschäft. Hollweg hat mit einem Team von Mathematikern und Statistikern ein Rating-System für Studenten entwickelt, das er nun europäischen Großbanken anbietet. "Damit können Banken via Internet die Kreditwürdigkeit der Studenten einschätzen", wirbt er.

Gespräche mit Großbanken

Über eine geschützte Homepage sollen Studenten mit ihrer Immatrikulation einen Kredit beantragen können. Das Ansehen der Hochschule, die Arbeitsmarktchancen des Studienfachs und die bisherigen Leistungen des Studenten sollen über die Kredithöhe entscheiden. Diese Faktoren hat Hollweg mit seinen Kollegen bewertet und in ein Modell gegossen. Wer beispielsweise zum Studium ausziehe, verdiene später in der Regel mehr.

Im Schnitt könne der Student der Zukunft 25.000 Euro als Kredit aufnehmen. Zurückgezahlt werden soll bei Hollweg in fixen Monatsraten, um den Banken die Arbeit und die Kalkulation leichter zu machen." Wir sind in ernsthaften Gesprächen mit Großbanken", erklärt Hollweg die Entwicklung. Er will das ganz große Rad drehen: "Wir müssen den Zusammenhang zur demografischen Entwicklung sehen. Für die verstärkte private Altersvorsorge wären Anleihen, die auf Bildungskrediten beruhen, eine attraktive Anlagemöglichkeit", sagt Hollweg.

Problem Arbeitsmarkt

Es bleibt ein Problem: der deutsche Arbeitsmarkt. Oft landen auch Akademiker zunächst in schlecht bezahlten Jobs oder Praktika. Ein Studium in Deutschland zahlt sich im Schnitt mit einer Rendite von etwa neun Prozent aus. Studenten in den USA oder in Großbritannien kommen auf doppelt so hohe Renditen. Schmälern Gebühren die Rendite, könnte ein teures Studium schnell unattraktiv werden, warnen Experten.

Die Banken schreckt das noch nicht. "Sollte das Studiengebührenverbot fallen und Bildungskredite verstärkt gefragt sein, werden wir vorbereitet sein" , sagt der Deutsche-Bank-Sprecher. Das Angebot werde "unabhängig vom Studienfach attraktiv sein". Auch der Byzantinistikstudent werde damit zum potenziellen Kunden.

Teure Bildung

793.000 hauptberufliche Lehrer unterrichteten im Schuljahr 2002/03 an deutschen Schulen. Ein Fünftel von ihnen war älter als 55 Jahre.

166.074 Menschen lehrten 2003 an deutschen Hochschulen – als Professoren, Dozenten, Assistenten oder wissenschaftliche Mitarbeiter.

1.966.000 Studenten sind aktuell an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Erstmals seit Jahren ist diese Zahl im Herbst 2004 gesunken.

192,6 Mrd. Euro oder 9,1 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts flossen 2002 in Bildung, Forschung und Entwicklung, Tendenz steigend.

1,7 Mrd. Euro könnten deutsche Hochschulen einnehmen, wenn Studenten 500 Euro pro Semester zahlen müssten.

Weitere Informationen zur Tenman GbR unter: www.10man.de