Bildungskredite:
Scharnierfunktion zwischen Arbeitsmarkt und Altersvorsorge

Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, 06.01.2005, www.insm.de

Von Leander L. Hollweg

Mit dem Streit um die Einführung von Studiengebühren wurde ein genereller Mangel des deutschen Bildungssystems sichtbar: das Fehlen eines privaten Finanzierungs-systems für die Hochschulbildung. Dabei könnten Bildungskredite und darauf basie-rende Bildungswertpapiere eine wichtige Funktion im volkswirtschaftlichen Kreislauf von Sparen und Investieren erfüllen.

Nachdem die Förderalismus-Reform am Streit um die Kompetenz-Zuordnung für die Bildung scheiterte, bekommt die für den Jahresanfang 2005 erwartete Entscheidung des Bundesver-fassungsgerichts zur Länderklage über das Verbot von Studiengebühren im Hochschulrah-mengesetz jetzt eine gesteigerte Bedeutung. Das Gericht wird zu interpretieren haben, wie sich gemäß der gültigen Verfassung die Zuständigkeiten von der Bund und Ländern in Sa-chen Bildung darstellen. Das Urteil wird die Ausgangsposition bestimmen, von der aus unter Umständen die Kontrahenten erneut in die Reformdiskussion einsteigen können.

Der Verfassungsstreit zeigt aber auch, dass es eben nicht nur um Zuständigkeiten geht, sondern auch um unterschiedliche Standpunkte insbesondere zur Hochschulpolitik, die das Regierungslager aus SPD und Grünen von den CDU-geführten Ländern trennen. Das gilt besonders für das Reizthema Studiengebühren. Gebühren-Gegner fürchten unter anderem, dass Studiengebühren soziale Barrieren für den Hochschulzugang von Kindern aus „armen“ Familien errichten. Darauf haben die Befürworter der Gebühreneinführung noch keine über-zeugende Antwort gefunden. Nur sehr allgemein wird davon gesprochen, dass es ein Kredit-angebot für Studenten geben sollte. Ein solches Angebot wäre im übrigen allein schon des-halb notwendig, um zur Finanzierung der studentischen Lebenshaltungskosten beizutragen: zwei Drittel aller Studenten arbeiten neben ihrem Studium.

Wenn sich Politiker überhaupt dieses Problems annehmen, dann laborieren sie derzeit an verschiedenen Formen staatlicher Studienfinanzierung, die allesamt eines gemeinsam ha-ben: dass der Staat mit der einen Hand Mittel bereitstellt, die er mit der anderen Hand wieder vereinnahmt. Am Ende würde eine kurzfristig erhöhte Staatsverschuldung stehen, für die al-lenfalls (im Modell der nach erfolgreichem Studium zu zahlenden Studienbeiträge) nach über zehn Jahren Aussicht auf einen gewissen Ausgleich besteht.

Der Schlüssel für die Lösung des Problems liegt indes bei den privaten Banken. Theoretisch sollte es für sie attraktiv sein, Kredite an Studenten zu vergeben. Denn aus jenen werden im späteren Berufsleben einmal überwiegend gut verdienende Akademiker. Doch trotz ver-schiedentlicher Ansprache seitens der Politik haben die Kreditinstitute bislang kein nen-nenswertes Interesse gezeigt, der Zielgruppe „Studenten“ besondere Finanzierungs-angebote zu machen. Eine Ausnahme stellt das Münchner Unternehmer Career Concept dar, dem es gelang, einige Millionen Euro als eine Art Venture Capital für die Finanzierung von Studenten an besonders renommierten Hochschulen zu mobilisieren und dem für Stu-denten an ostdeutschen Hochschulen die Zusammenarbeit mit der Deutschen Kreditbank gelang.

Die Gründe der überwiegenden Banken-Abstinenz in diesem Markt bestehen darin, dass Studenten in der Regel kein oder nur ein sehr geringes eigenes Einkommen haben, ebenso wenig wie Vermögen. Banken verlangen für einen Kredit jedoch in der Regel „Sicherheiten“. Zwar könnten Eltern als Bürgen einspringen, aber dies erhöht den Verwaltungsaufwand. An-gesichts vergleichsweise kleiner Darlehenssummen, die zudem erst nach Abschluss des Studiums zur Tilgung kommen, lohnt sich dies für Banken nicht. Generell haben im heutigen Retailgeschäft (private Kleinkredite) der Kreditinstitute nur solche Angebote eine Chance, die sich standardisiert und nahezu automatisch abarbeiten lassen. Hierzu gehört eine maschi-nelle Bewertung des Kreditausfallrisikos, das sogenannte Scoring.

Für dieses Scoring benötigen Banken Erfahrungsdaten über das tatsächliche Rückzahlungs-verhalten ihrer Kunden. Doch hinsichtlich der Zielgruppe Studenten „beißt sich die Katze in den Schwanz“: Da diese Gruppe bislang keinen Kredit erhielt, gibt es auch keine Erfah-rungsdaten über die Ausfallrisiken. Also auch künftig keine Kredite.

Wenn man nicht will, dass der Staat die Kreditrisiken „blanko“ übernimmt, so kann man die-sen gordischen Konten nur mit einer vorausschauenden Kreditwürdigkeitsprüfung durchtren-nen. Solche Verfahren kennen Banken durchaus, aber aus ihrem Firmenkundengeschäft. Im Gegensatz zum Scoring spricht man hier von Rating und meint damit, dass man auf der Ba-sis der gegenwärtigen Lage des Unternehmens seine künftigen Marktchancen bewertet. Ein solches Rating läßt sich auch für die Arbeitsmarktchancen von Studenten bewerkstelligen. Schon heute sind ausführliche Analysen über den Verlauf studentischer Karrieren verfügbar. Daraus wird deutlich, dass selbst Studienabbrecher im Beruf überdurchschnittlich erfolgreich sind.

Ausgehend von vorliegenden Analysen und ergänzt durch eigene Erhebungen bereitet das Unternehmen Tenman* (www.10man.de) gegenwärtig ein entsprechendes Ratingverfahren vor. Es wird ergänzt durch ein internetbasiertes Abwicklungsverfahren, das die Hochschulen in den Prozess der Antragstellung und der laufenden Risikokontrolle einbezieht. Dies wird ein sehr kostengünstiges, weitgehend automatisiertes Kreditmanagement ermöglichen. Es erlaubt ein Kreditangebot an alle deutschen Studenten mit zwei Freijahren nach dem Ausbil-dungsende und anschließend sozial verträglichen, festen Rückzahlungsraten. Trotz dieser großzügigen Darlehensbedingungen errechnen sich auch für die Banken attraktive Margen.

Rating und „credit web“ können im Prinzip von mehreren Kreditinstituten genutzt werden, die ihren Kunden neben einem standardisierten Kredit noch jeweils spezifische Zusatzangebote unterbreiten können. Eine besonders interessante Variante ist die Koppelung mit einem An-sparplan oder einer Ausbildungsversicherung. Es lässt sich zeigen, dass mit einer Spar-summe von rund 20.000 Euro die Kosten eines kompletten Studiums (inkl. Lebenshaltung) von rund 50.000 Euro geschultert werden können.

An deutschen Hochschulen gibt es gegenwärtig rund 2 Millionen Studenten. Jährlich begin-nen etwa 240.000 deutsche Studienanfänger. Wenn nur ein Drittel dieser Studienanfänger ein Darlehen aufnimmt, wird das Kreditvolumen in diesem Markt nach wenigen Jahren eine zweistellige Milliardensumme erreichen. Zum Vergleich: In den USA managed die börsenno-tierte Bildungsbank SLM Corporation gegenwärtig Darlehen von mehr als 80 Milliarden US-Dollar, und für viele große private Banken sind „student loans“ ebenso wie „college savings plans“ ein profitables Standardgeschäft. In abgewandelter Form sind ähnliche Kredite auch für die Weiterbildung von Arbeitnehmern denkbar. Solche Kredite werden bereits in Großbri-tannien von den Marktführern im Privatkundengeschäft angeboten.

Volumina in der genannten Größenordnung bieten den beteiligten Banken die zusätzliche Möglichkeit, ihre Bildungskredite zu verbriefen und somit als „Bildungsanleihen“ am Kapital-markt an dritte Investoren, z.B. Versicherungen, zu verkaufen. Die mit dem Rating verbun-dene laufende Risikokontrolle der Darlehen schafft hierfür die banktechnischen Vorausset-zungen. Nicht zuletzt für jene Ersparnisse, die zunehmend für die Altervorsorge gebildet wer-den, bietet sich hier eine lohnende Anlagealternative. Aus volkswirtschaftlicher Sicht erfüllen Bildungskredite und Bildungswertpapiere somit eine „Scharnierfunktion“ für den Generatio-nenvertrag. Wenn Wissen und Bildung tatsächlich die künftig wichtigste Ressource unserer Wirtschaft sein soll, dann verdient diese Perspektive besondere Beachtung.

Weitere Informationen zur Tenman GbR unter: www.10man.de